Trauer
Wenn wir genau hinsehen,
finden wir sie in vielen Gesichtern
Trauer – per Definition „eine emotionale Reaktion auf einen Verlust. Sie ist eine Bewältigungsstrategie, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren.“ Auch die Erinnerung an einen solchen Verlust kann Trauer auslösen. Sie umfasst Gefühle wie Niedergeschlagenheit, Schmerz und manchmal auch Schuld.1 Sie zeigt sich auf verschiedene Weise: durch Antriebslosigkeit, Leere, Schlaflosigkeit oder Tränen.
Trauer – nach meiner Definition ein manchmal kaum aushaltbarer Schmerz. Ein stechender Schmerz in der Brust, ein Herzschmerz (das sogenannte Broken-Heart-Syndrom)1 oder auch ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Gelähmtseins, der Machtlosigkeit – ausgelöst durch einen Verlust, der für jeden Menschen anders aussieht und sich unterschiedlich anfühlt. Ein Schmerz, den wir alle auf die ein oder andere Weise schon erlebt haben.
Sei es der Verlust eines geliebten Menschen, eines ideellen Wertes oder eines Jobs, ein eskaliertes Gespräch oder etwas völlig anderes. Trauer ist ein Zustand, den niemand dem anderen wünscht – der jedoch meist unumgänglich ist, als Bestandteil unseres Lebens, sodass wir manchmal ohne Vorwarnung gezwungen sind, uns mit dieser Thematik zu befassen – ob wir es wollen oder nicht. Manchmal dürfen wir erleben, dass der Verlust rückgängig gemacht werden kann – wenn der erste Schockmoment vorüber ist und sich zeigt, dass es ein Zurück zur bisherigen Realität gibt. Doch leider ist das nicht immer möglich.

Warum spreche ich dieses Thema an? Weil es mir vor Kurzem vor Augen geführt wurde und mich seither beschäftigt. Dabei betrifft es mich nicht persönlich. Aber die erlebte Situation lässt mich nicht los, weil ich mich frage, ob ich nicht hätte anders reagieren oder etwas besser machen können. Und weil ich mir die Frage stelle, wie es der betroffenen Person jetzt geht.
Was war passiert: Ich hatte einen Businesstermin. Die Zeit verstrich und ich dachte mir – naja, das ist die übliche akademische Viertelstunde. Nach einer Weile stand die Frau meines Terminpartners vor meiner Tür und sagte, dass der Termin leider auf die kommende Woche verschoben werden müsse, da ein unerwartetes familiäres Ereignis eingetreten sei. Es sei das erste Mal in 20 Jahren, dass ihr Mann einen Termin so kurzfristig absagen müsse. Sie sagte weiter: „Wir kriegen das hin, und in der kommenden Woche macht mein Mann mit Ihnen einen neuen Termin aus.“
Da es für mich nicht kritisch war, sagte ich ganz flapsig, dass sowas manchmal passiert. Das ist dann eben so, ist auch kein Problem. Ich warte, dass er sich meldet, und wir finden einen neuen Termin. Ich hatte bemerkt, wie aufgelöst und aufgewühlt die Frau meines Terminpartners war, dachte mir aber, nun gut, wenn ein
familiärer Notfall eintritt, ist das nachvollziehbar und legte das Ganze für mich ad acta.
Was ich erst ein paar Tage später erfuhr, war, dass der Mensch, mit dem ich diesen Termin hatte, am Tag des Termins verstorben war – in einem Alter, das von meinem eigenen nicht allzu fern ist. Etwas, was mich sehr berührt hat, da ich in der Woche zuvor bei ihm gewesen bin und auch ich damit nicht gerechnet hatte. Auch wenn keine persönliche Trauer in mir aufkam, da ich ihn kaum kannte, empfand ich tiefes Mitgefühl mit dieser Frau, die in ihrer Not vor meiner Tür stand.
Doch was mich besonders bewegt hat: Diese Frau stand in diesem Moment bei mir vor der Tür, um einen unwichtigen Termin abzusagen – und entschuldigte sich dafür. Hochachtung. Ich selbst hab mich im Nachgang geärgert, dass ich sie nicht auf ihre Aufgelöstheit angesprochen habe.
Vielleicht hätte ich ihr ein paar bessere Worte mit auf den Weg geben können als: „Dann ist das eben so. Passiert manchmal.“ Vielleicht hätte ich mich mit ihr einen Moment hinsetzen können. Die Zeit war da. Der Punkt ist: Wir wissen nie, was gerade in anderen Menschen vorgeht, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Etwas, was es vielleicht zu bedenken lohnt, wenn wir mit anderen in Kontakt treten. Vielleicht fehlt uns gelegentlich auch das Feingefühl, weil wir selbst gestresst sind. Aber das ist ein anderes Thema.



Worauf ich eigentlich hinauswill, ist: Wenn dieser furchtbare Moment kommt, trifft uns der Verlust völlig unvorbereitet. Wir haben keine Zeit zu trauern, sondern funktionieren nur – Organisation hier, Abstimmungen dort, Termine absagen. Die Gefühle werden unterdrückt. Der Körper schaltet einfach gesagt in einen Schutzmechanismus – ein Leugnen, eine Weigerung, die Realität des Verlustes zu akzeptieren.2 Genau das habe ich an dieser Frau gesehen. Eine Frau, dessen Körper auf Funktionsmodus umgestellt hat – vielleicht weil sie die Realität noch nicht zulassen konnte – verständlicherweise. Ein Verlust, den niemand wirklich nachempfinden kann, der ihn nicht selbst auf die ein oder andere Art erlebt hat.
Bis die Hektik vorbei ist, die bürokratischen Dinge abgeschlossen sind, bleibt dieser Modus häufig bestehen. Bis wir eines Abends auf dem Sofa sitzen oder woanders – allein, mit anderen – und uns die Realität mit voller Härte trifft. Ein Trigger genügt. Dann fließen die Tränen. Der ein oder andere kennt es vielleicht. Das Tränenmeer scheint kein Ende nehmen zu wollen. Alles muss raus, bis die Erschöpfung uns einholt – wir leer sind und glauben, keine Tränen mehr übrig zu haben.2
Und aus dieser Erschöpfung heraus entsteht ein ganz neues Gefühl – ein Gefühl, das wir in diesem Zusammenhang noch nicht kannten – Wut. Der innere Kampf mit dem Unrecht über die Geschehnisse.2 Und auch diese Wut muss raus. Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung, in Richtung Verhandlung. Wir versuchen, mit einer höheren Instanz zu verhandeln, den Verlust rückgängig zu machen – doch ist es nicht möglich.2 Wir beten, bitten, flehen. Die Erschöpfung wächst, bis wir in eine Art der Depression verfallen – mit tiefer Traurigkeit und Rückzug.2 Wir wollen niemanden sehen, nichts hören, keine Feierlichkeiten besuchen. Wir igeln uns ein und verlieren uns in unserem Schmerz. Und auch das ist gut so. Das gehört zum Prozess des Trauerns.
Aber irgendwann – zu einem ganz anderen Zeitpunkt – vielleicht, wenn wir es nicht erwarten – müssen wir lachen. Weil wir etwas erleben, das uns ein lange verschollenes Gefühl zurückbringt: Freude.2 Wir haben es geschafft, den Verlust zu akzeptieren. Der letzte Schritt zurück zu uns selbst. Auch wenn uns dieses Ereignis verändert hat und wir nicht mehr dieselben sind, so sind wir jetzt doch an dem Punkt angekommen, an dem wir mit unserem Leben weitermachen können und auch müssen. Denn niemand hätte gewollt, dass wir für den Rest unseres Lebens allein auf dem Sofa sitzen und trauern.
Diese Schritte durchlaufen wir alle unterschiedlich. Sie hängen von vielen Faktoren ab.2 Manche Menschen kommen besser mit einem Verlust zurecht, andere weniger gut. Und manchmal bleibt jemand in einer Phase stecken, findet keinen Ausweg, kann nicht loslassen – weil der Verlust zu groß war – vielleicht aus Verbundenheit oder weil die Angst überwiegt.
Vielleicht ist es dann an der Zeit sich Unterstützung zu holen. Um die verschiedenen Phasen des Trauerns besser durchlaufen zu können. Ohne darauf zu warten, dass der Schmerz irgendwann von allein verschwindet – nicht um zu vergessen – sondern um wieder für sich selbst zu sorgen. Denn auch wenn der Mensch nicht mehr da ist, die Erinnerungen bleiben.
(1) https://www.netdoktor.de/psychologie/gefuehle/trauer/. 25.10.2025
(2) https://flexikon.doccheck.com/de/Sterbephasen_nach_K%C3%BCbler-Ross. 25.10.2025
